Wie lange dauert es, eine Gewohnheit zu bilden?
Eine einzige Zahl gibt es nicht. In der bekanntesten Studie dauerte es im Median 66 Tage, bis sich ein tägliches Verhalten automatisch anfühlte – je nach Person und Gewohnheit aber irgendwo zwischen 18 und 254 Tagen. Eine Übersichtsarbeit von 2024 über 20 Studien kam zu dem Schluss, dass die meisten Gesundheitsgewohnheiten zwei bis fünf Monate brauchen. Die berühmten „21 Tage“ stammen aus einem Selbsthilfebuch von 1960 über das Gewöhnen an Veränderungen, nicht aus der Gewohnheitsforschung.
Die Studie hinter den „66 Tagen“
2010 baten Forschende am University College London 96 Freiwillige, sich ein Ess-, Trink- oder Bewegungsverhalten auszusuchen und es 12 Wochen lang einmal täglich in derselben Situation auszuführen – ein Glas Wasser nach dem Frühstück, ein Spaziergang vor dem Abendessen. Jeden Tag bewerteten sie, wie automatisch es sich anfühlte.
Bei den 39 Personen, deren Daten einer klaren Kurve folgten, dauerte es im Median 66 Tage, bis sie 95 % ihres persönlichen Höchstwerts an Automatizität erreicht hatten. Die mittlere Hälfte brauchte zwischen 39 und 102 Tagen; die gesamte Spanne reichte von 18 bis 254 Tagen. Einfache Gewohnheiten gingen schneller als schwierigere: Trinken dauerte im Median 59 Tage, Essen 65 und Bewegung 91 – der Unterschied war allerdings nicht statistisch signifikant.
Grenzen, die man kennen sollte: Die Studie lief 84 Tage, jeder Wert über 84 Tagen ist also aus der Kurve der jeweiligen Person hochgerechnet; außerdem waren die meisten Teilnehmenden Masterstudierende oder Promovierende.
Was eine Übersichtsarbeit von 2024 ergänzt
Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit fasste 20 Studien mit 2.601 Teilnehmenden zusammen. Nur vier davon maßen, wie lange die Gewohnheitsbildung dauerte. Die zentralen Zahlen stammen daher aus einzelnen Studien und sind keine gemeinsame Schätzung: Mediane von 59 Tagen in einer Studie von 2021 und von 66 Tagen in der von 2010 sowie eine Spanne von 4 bis 335 Tagen zwischen einzelnen Personen.
Ihr Gesamtfazit: Die meisten Gesundheitsgewohnheiten brauchen zwei bis fünf Monate. Gewohnheiten wurden stärker, wenn sie häufiger geübt, morgens ausgeführt und selbst gewählt wurden und wenn sie einfach und an einen klaren Auslöser gekoppelt waren – beim Benutzen von Zahnseide nahm die Gewohnheitsstärke mehr zu als bei einer Ernährungsumstellung.
Der Zeitpunkt spielt sogar bei Kleinigkeiten eine Rolle: In einer Studie hätten Menschen, die jeden Morgen eine einzige Dehnübung machten, laut Hochrechnung nach etwa 106 Tagen Automatizität erreicht – gegenüber etwa 154 Tagen bei denen, die sie abends machten.
Sport dauert länger
Eine Studie mit 111 neuen Mitgliedern eines Fitnessstudios ergab: Mindestens viermal pro Woche über sechs Wochen war das Minimum, um eine Sportgewohnheit aufzubauen; am besten ließ sich der Erfolg an Regelmäßigkeit und Einfachheit vorhersagen. Eine Machine-Learning-Studie von 2023 mit mehr als 30.000 Fitnessstudio-Besuchern fand, dass es etwa zwei bis drei Monate dauerte, bis die Besuche im Studio vorhersagbar wurden, beim Händewaschen von Krankenhauspersonal dagegen etwa zwei Wochen.
Falls du für diese Studie von 2023 die Angabe „4 bis 7 Monate“ gelesen hast: Der Wert wurde auf 68–78 Tage korrigiert.
Woher die „21 Tage“ kommen
Die Zahl geht auf Maxwell Maltz’ Buch „Psycho-Cybernetics“ von 1960 zurück. Maltz, ein plastischer Chirurg, schrieb, Menschen bräuchten offenbar „mindestens etwa 21 Tage“, um sich an eine Veränderung zu gewöhnen – etwa an ein neues Gesicht oder ein neues Haus. Das war eine Beobachtung über das Gewöhnen an Veränderungen, formuliert als Minimum – kein Befund darüber, wie lange es dauert, eine Gewohnheit zu bilden.
Was laut Forschung hilft
- Gleiche Zeit, gleicher Ort. Wiederhole die Handlung in derselben Situation, damit die Situation selbst zum Auslöser wird. Ärztliche Empfehlungen auf Grundlage dieser Forschung gehen davon aus, dass sie sich innerhalb von etwa zehn Wochen automatisch anfühlt.
- Plane mit „Wenn–dann“. Ein Satz wie „Nachdem ich mir Kaffee eingeschenkt habe, lese ich zehn Minuten“ wirkt: Eine Metaanalyse von 94 Tests mit 8.461 Teilnehmenden fand einen mittleren bis großen Effekt auf das Erreichen von Zielen (d = 0,65).
- Fang klein und einfach an. Einfache Handlungen mit klarem Auslöser gewannen mehr Gewohnheitsstärke als komplexe.
- Mach es oft. Beim Sport lag die Schwelle bei neuen Fitnessstudio-Mitgliedern bei etwa vier Einheiten pro Woche.
- Such sie dir selbst aus. Selbst gewählte Gewohnheiten bildeten sich stärker aus als vorgegebene.
- Keine Panik wegen eines verpassten Tages. Einmal auszulassen bremste den Fortschritt in der Studie von 2010 kaum – mehr dazu unter „Was passiert, wenn du einen Tag verpasst“.
Einen Habit-Tracker mit diesem Wissen nutzen
Plane in Monaten, nicht in Wochen, und zähle Wiederholungen statt Perfektion. Ein Tracker hilft am meisten, indem er dir den Auslöser vor Augen hält und zeigt, wie sich die Wiederholungen summieren.
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Quellen
- Lally, van Jaarsveld, Potts & Wardle (2010), How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology 40(6) — doi.org
- Singh, Murphy, Maher & Smith (2024), Time to form a habit: a systematic review and meta-analysis of health behaviour habit formation. Healthcare 12(23) — doi.org
- Keller et al. (2021), Habit formation following routine-based versus time-based cue planning. British Journal of Health Psychology 26(3) — doi.org
- Fournier et al. (2017), Effects of circadian timing on the formation of a stretching habit. Health Psychology 36(11) (abstract) — doi.org
- Kaushal & Rhodes (2015), Exercise habit formation in new gym members. Journal of Behavioral Medicine 38(4) (abstract) — doi.org
- Buyalskaya et al. (2023), What can machine learning teach us about habit formation? PNAS 120(17), with its correction — doi.org
- Gardner, Lally & Wardle (2012), Making health habitual: the psychology of 'habit-formation' and general practice. British Journal of General Practice 62(605) — doi.org
- Gardner (2012), Busting the 21 days habit formation myth. UCL Health Behaviour Research Centre blog (on Maltz, Psycho-Cybernetics, 1960) — blogs.ucl.ac.uk
- Gollwitzer & Sheeran (2006), Implementation intentions and goal achievement: a meta-analysis. Advances in Experimental Social Psychology 38 — doi.org